Amerikaner sind viel religiöser als Deutsche. So glauben 95 Prozent aller Amerikaner an Gott, vier von fünf glauben an Wunder, an ein Leben nach dem Tod und an die Jungfräulichkeit Marias. An die Existenz des Teufels glauben 65 Prozent, 72 Prozent glauben, dass es Engel gibt. Die American Bible Society hat herausgefunden, dass neun von zehn Amerikanern eine Bibel besitzen, jeder vierte sogar mehr als vier Exemplare! Wie oft oder wie gründlich sie die Bibel nun wirklich lesen, steht auf einem anderen Blatt. Laut einer Umfrage des World Value Survey besuchen 44 Prozent der befragten Amerikaner mindestens einmal pro Woche einen Gottesdienst. In Deutschland sind es nur 18 Prozent.
Da sind Zahlen in der USA, die man als Gastschüler nicht ignorieren kann. Aber es gibt einen Trost: Kirche in Deutschland ist mit Kirche in Amerika nicht vergleichbar. Ich finde es in Amerika viel lockerer. Irgendwelche Leute verkünden während der Messe die jüngsten Neuigkeiten, stehen vor Gebeten auf und beten laut für ihre kranken Verwandten. Für mich war die Kirche eine gute Möglichkeit, Freunde zu finden. Normalerweise hat jede Kirche ihre Jugendgruppe, die sich jede Woche trifft und nicht selten tolle Sachen unternimmt. Wir haben Ausflüge zu Nationalparks gemacht und sind Bergsteigen gegangen, haben Nächte in der Kirche verbracht und sogar ein kirchliches Rock-Konzert in Minnesota besucht.
Die Kirche hier versucht Jugendliche anzusprechen und mit der Zeit zu gehen. Jugendliche tragen Shirts mit der Aufschrift “Jesus loves you” oder “Hell is hot, heaven is not” und hören sich Rock-Musik von christlichen Gruppen an. Hört sich dumm an? Ist es nicht. Ihr kennt wahrscheinlich DJ Bobo, oder? OK, der ist jetzt alt, aber vor ein paar Jahren, da haben alle zu seinen Liedern wie “Pray” etc. getanzt. Er war oben in den Charts und wurde in allen Discos und auf Parties gespielt. Und so müsst ihr euch diese christlichen Konzerte vorstellen. Die haben Rap-, Dance- und besonders Rockmusik.
Das beste christliche Konzert, dass ich hier gesehen habe, war in St Paul, Minnesota. Das war irre. Da waren mehr als 10 000 Leute. Ich habe noch nie Leute gesehen, die sich so extrovertiert zu Gott bekannt haben. Vor dem Konzert gab es Sprechöre: “We believe in God, yes, we do, and what about you?” Und während des Konzerts haben viele ihre Hände gen Himmel gehoben – ich habe noch nie so viele Leute auf einmal weinen sehen! Zwischen den Bandauftritten hatten sie Theateraufführungen und Sprecher. Ein Rapper hat erzählt, dass seine Mutter 14 Jahre alt war, als er geboren wurde, dass er dann weggerannt und in einer “Drogenfamilie” gelandet sei. Er kam dann ins Gefängnis und hat es nur geschafft, so sagte er, weil er Gott als Freund gefunden hat.